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Lifehacks- Der Podcast mit Katrin

Die ehrliche Wahrheit über den Pflegealltag - mit Vanessa Schulte

In dieser interessanten Podcast Folge erzählt Pflegerin Vanessa Schulte über die harte Realität im Pflegealltag.

Lifehacks mit Katrin

In dieser Podcast-Folge sprechen wir darüber, wie hart der Alltag als Pflegekraft sein kann. Mit einer Pflegezusatzversicherung genießen Sie mehr Eigenständigkeit bei Pflegebedürftigkeit.

Vanessa: Wir werden moralisch einfach erpresst. Das ist auch das, warum es Stationsleitungen gibt, die genau mit so was eben auch anrufen bei ihrem Personal und sagen, wenn du heute nicht kommst, hier bricht alles, also ohne dich bricht alles zusammen. Also die Menschen, müssen ja hier auch versorgt werden. Also du musst einspringen und kommen. Also so agiert die Berufsgruppe teilweise ja auch selber noch. Und ja, genau. Da kann dann eben ganz schnell gesagt werden, allein streiken ist ja ein Riesending, obwohl das immer abgesichert ist. Also wenn die Pflege streikt, dann kommt kein Patient zu Schaden oder so. Also das ist ja alles mit Sicherheitsnetz entsprechend abgesichert. Und trotz dessen muss man immer wieder dann in den Medien lesen, wie kann sich die Pflege das erlauben, dass da Leute jetzt auf die Straße gehen und für ihre Rechte einstehen? Ja, also ist auf jeden Fall ein Riesenpunkt.

Katrin: Stell dir vor, du liegst im Krankenhaus. Es geht dir schlecht, du hast Angst. Und da ist dieser eine Mensch, der ruhig bleibt, der dir die Angst nimmt, der einfach weiß, was zu tun ist.

Wir nennen diesen Menschen oft immer noch "Krankenschwester". Nett, hilfsbereit, freundlich. Aber dieses Bild hat mit der Realität ungefähr so viel zu tun wie ein Pflaster mit einer OP.

Pflege ist ein Hochleistungsberuf. Fachwissen, Verantwortung, Entscheidungen, an denen Leben hängen. Und trotzdem wird genau dieser Beruf klein gehalten, schlecht bezahlt und politisch übersehen. Wie passt das zusammen?

Genau darüber reden wir heute. Mit jemandem, der mittendrin steht und kein Blatt vor den Mund nimmt.

Mein Gast heute ist Vanessa Schulte. Sie ist Gesundheits- und Krankenpflegerin, hat unter anderem auf der Intensivstation gearbeitet und zeigt auf Social Media, wie der Pflegealltag wirklich aussieht. Außerdem hat sie ein Kinderbuch geschrieben, das mit den alten Klischees aufräumt.

Wir reden über den echten Alltag in der Pflege, über Anerkennung, Klischees und die Frage, warum dieser Beruf so viel mehr ist, als die meisten denken.

Katrin: Jetzt ist ja Pflege, wenn wir da mal ganz klassisch reingehen, gerade nicht der Beruf, wo man davon ausgeht, dass man mit Dankbarkeit überschüttet wird. Wie ist das so in deinem Alltag? Wie bist du zur Pflege gekommen und wie nimmst du das wahr?

Vanessa: Als erstes mal zu dem Part, wie ich das wahrnehme. Also politisch bin ich da absolut bei dir, dass man da jetzt nicht von Dankbarkeit überschüttet wird. Vor allen Dingen ja auch aktuell nicht, wo irgendwie alle Einsparungen und so eher auf unserem Rücken dann getragen werden und es da keine Weiterentwicklung für die Pflege gibt, sondern eher Abstriche weitersparen und letzten Endes dann vielleicht eben auch schlechte Qualität, die daraus dann resultiert. Bezüglich Dankbarkeit auf Patientenebene kann ich es aber nicht unterschreiben. Also da ist es schon so der Alltag, da erfahre ich persönlich schon sehr viel Dankbarkeit von meinen Patientinnen, aber genauso auch von meinen Kolleginnen, von den Teams, mit denen man insgesamt arbeitet. Man arbeitet ja als Pflegekraft nicht einfach allein als Pflegekraft, sondern da sind ja ganz viele andere Fachbereiche. Auch da erlebe ich sehr viel Dankbarkeit und Anerkennung und natürlich auch von den Angehörigen der Patienten, wenn da welche sind. Also von der Seite würde ich sagen, stimmt es auf jeden Fall, nur eben nicht von der großen politischen Seite.

Katrin: Also hat am Balkonklatschen gar keine fundamentalen Probleme gelöst, meinst du?

Vanessa: Nee, tatsächlich nicht. Ich weiß, man hätte, also man dachte, das wäre eine gute, entscheidende Sache, aber leider nein.

Katrin: Wie nimmst du da so die Leute wahr? Ich hatte so den Eindruck, oder auch schon mit anderen Leuten gesprochen, meinen, sobald Leute im Krankenhaus sind, vergessen die jegliche Manieren und zwischenmenschliches Grundverhalten.

Vanessa: Ja, ich weiß auf jeden Fall, was gemeint ist, vor allen Dingen so in Richtung Scham. Wie da manche Menschen so agieren, ist manchmal erstaunlich. Ich denke aber tatsächlich, dass das ganz viel einfach damit zu tun hat, dass die Menschen in einer absoluten Ausnahmesituation sind und teilweise ja wirklich mit schweren Krisen in ihrem Leben konfrontiert sind. Und da eben das Verhalten dann nicht immer das ist. was sie vielleicht sonst zeigen würden, wie sie so als Mensch sind. Und natürlich einfach die Gesellschaft so vielfältig ist und unterschiedlich, dass man halt eben gezwungen ist, seiner eigenen Blase herauszukommen. Also nur, weil ich zum Beispiel es nicht gut fände, wenn ich auf einem Toilettenstuhl in einem Mehrbettzimmer abführen müsste. heißt das nicht, dass manche nicht wirklich gar kein Problem mithaben. Und dann ist man natürlich selber, also teilweise habe ich wirklich ja Fremdscham, dass ich mir denke, mein Gott, ich würde das niemals tun oder, also da ist meine absolute Grenze. Und wenn ich auch versuche, dann als Fachkraft diese Grenzen zu wahren und eben zu sagen, was ich ihm anbieten kann der Person, damit es irgendwie ein schönerer Ablauf ist. Und manche da wirklich total selbstbewusst, ne, ne, ne, das anstößt gar nicht, ist wirklich gar kein Problem. Ja, dann ist man erstaunt. ja, die Menschen sind halt eben nicht alle gleich und da passiert es eben, dass wirklich, ja, manche damit auch wirklich einfach kein Problem haben. Auch wenn es aus der eigenen Komfortzone dann weit heraus ist.

Katrin: Wie bist du denn überhaupt dazu gekommen, in der Pflege zu arbeiten?

Vanessa: Ich habe was mit Medien gemacht ganz zum Anfang, eine Ausbildung und ein Studium in dem Bereich und habe immer mehr, es dem Ende zuging, mich da gar nicht mehr so richtig gesehen, weil ich mir dachte, okay, mir macht das alles Spaß, aber ob ich das jetzt mache oder jemand anders das macht oder vielleicht niemand das macht, ja, also da fehlte mir so bisschen die Sinnhaftigkeit. Und ich habe dann während meines Studiums noch mal drei Monate Praktikum im Krankenhaus gemacht, weil ich mir natürlich dachte, nee, da will ich schon eine fundierte Entscheidung treffen und das gucke ich mir auf jeden Fall noch mal an. War also drei Monate dort tätig und war dann überzeugt, dass ich das auf jeden Fall machen möchte und dass das dann eine Arbeit ist, wo ich wirklich am Ende des Tages dann weiß, nee, ich habe da einen Unterschied gemacht und es war entscheidend, dass ich da bin und dass ich dieses Wissen habe. Menschen zu helfen, wie ich denen helfen kann. Und das war eben genau das, wonach ich gesucht hatte.

Katrin: Und hat sich bei deiner Entscheidungsfindung eine Rolle gespielt, dass du ja auch weißt, wie die Pflege oder schon Sachen davon gehört hast, wie das der Pflege abläuft. So sehr viel Arbeit, verhältnismäßig wenig Kompensation für die Verantwortung, die man auf der anderen Seite trägt. Wird dich das nicht abgeschreckt?

Vanessa: Tatsächlich, nee, tatsächlich gar nicht, weil natürlich habe ich das gehört, aber es ist ja immer nochmal was anderes, ob man Sachen hört und ob man es irgendwie selber wirklich dann erlebt. Und da dachte ich mir halt, ja, naja, gut, wie schlimm kann es schon sein? Und in dem Praktikum, was ich beobachtet habe, dass Das kriege ich schon hin und da wird es eine Weiterentwicklung geben, auch von dem Beruf. Also da werden immer mehr dann eben auch sagen, dass es so nicht geht. Rahmenbedingungen werden sich über die Jahre sicherlich verbessern. Die Akademisierung wird sicherlich, also wird gestärkt werden. Das wird sich weiterentwickeln. Und da bin ich eigentlich ganz optimistisch, bin ich davon ausgegangen. Ich bin Teil von der Weiterentwicklung und das hat mich dann tatsächlich nicht abgeschreckt. Aber es ist, glaube ich, so bisschen wie Ich würde sagen, wie wenn man Elternteil wird oder sich ein Welpen ins Haus holt. Man kann sich gewisse Sachen vorstellen oder versuchen, sich die vorzustellen. Das kann dann aber dann doch noch mal die Realität eine ganz andere sein. Und so war es dann in der Pflege schon auch ein bisschen. Also natürlich wusste ich, dass ich im Schichtdienst arbeiten werde. Was das dann aber wirklich bedeutet, Vollzeit in einem Dreischichtsystem zu arbeiten, das konnte ich vorher nicht wissen. Ja, da war die Realität natürlich dann schon doch teilweise dann ein bisschen härter, dass man sich dachte, das soll ich bis zur Rente machen, das ist aber sportlich.

Katrin: Hättest du dich denn anders entschieden, du, also mit dem Wissen, was du jetzt hast, zurückgebeamt in deine Entscheidungsphase?

Vanessa: Schwierige Frage, ich den Beruf, also da würde ich mich jedes Mal wieder für entscheiden. So alles, was den Beruf ausmacht, was man dafür Tätigkeiten macht, auch wie ich sehe, wie ich mich dadurch ja weiterentwickelt habe, das möchte ich alles nicht missen und würde ich so auf jeden Fall wieder machen. Aber natürlich sehe ich auch die ganzen Rahmenbedingungen und sehe ja auch, dass ich extra Wege einschlagen konnte. Also dadurch, dass ich zum Beispiel als Content Creatorin tätig bin, bin ich nicht Vollzeit auf Stationen tätig, sondern mit reduzierter Stundenzahl. Das können aber nicht alle, also können sich das nicht alle erlauben und müssen dann Vollzeit da arbeiten. Und würde es mir so gehen, dass ich wirklich Vollzeit auf Schichtsystemen angewiesen wäre, dann glaube ich, ist es schwierig, dass ich da nochmal sagen würde, ich würde mich genauso entscheiden, aber für den Weg den ich gehen konnte, den ich mir geschaffen habe, den ich mir erarbeitet habe, würde ich es wieder machen.

Katrin: Jetzt hast du es gerade schon angesprochen, du bist ja auch Content Creatorin. Das heißt, du versuchst ja auch deinem Berufsleben den Leuten im Internet so bisschen zu zeigen. Wie kam es denn dazu?

Vanessa: Ja, genau. Tatsächlich in der Ausbildung direkt, weil ich selber voller Klischees in diesen Beruf gegangen bin, obwohl ich ja dieses Praktikum gemacht habe. für mich war das schon, ich meine, ich hatte vorher studiert, ich bin davon ausgegangen. Ja, easy, Ausbildung, sitze ich auf einer Arschbacke ab. Da muss ich vor allen Dingen halt nett und freundlich sein und dann höre mir halt das Gerede da von den Leuten mal an, dann kann man da auf Durchzug stellen, ja, also dass das so richtig herausfordernd ist und was man da so macht, da war ich dann selber überrascht und auch selber überrascht, was die Ausbildung dann so von einem abverlangt hat und dann vor allen Dingen auch noch mal, ich das Studium mit dazu genommen habe und habe da dann erst gesehen, was dieser Beruf wirklich beinhaltet und was ich selber dafür eine Rolle einnehme und halt eben nicht nur von dem netten Mäuschen, was eben mal freundlich Essen auf den Tisch stellt, sondern was da eben alles dranhängt. Und da dachte ich mir, ja gut, wenn ich die in der Ausbildung bin und das jetzt alles sehe, sogar keinen Schimmer davon hatte oder also wie das Ganze eben abläuft und was dafür Klischees sind, dann wird es ja auch ganz vielen anderen so gehen. Und die werden genauso wie ich denken, ja gut, hier. Die typische Krankenschwester, das kann die schon. Deswegen wollte ich einfach, da sind wir wieder bei, ich habe vorher was mit Medien gemacht, dachte ich mir, gut, Social Media einfach zu bedienen, mache ich einfach nebenbei das, was ich davor auch gemacht habe, nur jetzt eben mit meinem neuen Beruf und zeige einfach mal, wie ich diese Ausbildung erlebe, wie ich diesen Beruf erlebe und auch so bisschen eigene Dokumentationen, wie ich mich entwickle. Weil wenn ich jetzt zurückgucke, als ich angefangen habe, die Ausbildung zu machen, Das war 2018 und ich habe 2019 den Account gegründet. Also habe ich den jetzt seit sieben Jahren, mache ich das, da auch zu sehen, wie ich mich entwickelt habe, wie meine Gedanken sich verändert haben, Positionen sich verändert haben, aber auch der Beruf sich schon verändert hat. Also was ich damals geschildert habe an Beobachtungen und wie wir jetzt sieben Jahre später da jetzt schon draufblicken, also was da schon für Veränderungen stattgefunden haben. Ja, war so meine Motivation, quasi das Ganze zu dokumentieren und vor allen Dingen eben zu zeigen, das ist mehr als diese ganzen Klischees, die wir alle so kennen.

Katrin: Was würdest du sagen? Lohnt es sich und was kann man damit machen?

Vanessa: Auf jeden Fall. Also das Studium auf jeden Fall. Also ich glaube, wenn ich das nicht gemacht hätte, hätte ich dieses Bild der Pflegefachkraft so niemals verstanden und begreifen können und selber dann ja eben auch leben können. Ja, und die Perspektiven, ja gut, das ist gerade ein bisschen schwierig. Es gibt halt noch nicht in jedem Haus, in jeder Region die Möglichkeiten als studierte Fachkraft da eine Position einzunehmen. Aber auch da gibt es eine große Entwicklung und vor allen Dingen so die Universitäten, also die universitären Krankenhäuser, die haben eigentlich für Bachelor wie auch Masterabsolventen immer schon irgendwelche Stellen, Positionen, das Ja, also dass da auf jeden Fall ganz viel möglich ist und ja, immer empfehle ich das meiner Meinung nach auch die absolute Zukunft, die Ausbildung irgendwann ja durch ein Studium ergänzt oder vielleicht auch irgendwann ersetzt wird.

Katrin: Bevor wir gleich darüber reden, warum die Pflege gesellschaftlich so unter Wert verkauft wird, kurz drei kleine Dinge zum Mitnehmen.

Lifehack 1: Miss einen Beruf an seinem Sinn, nicht an seinem Ruf. Vanessa kam von den Medien in die Pflege, weil ihr die Sinnhaftigkeit fehlte. Frag dich, was du am Ende eines Tages wirklich bewirkt haben willst.

Lifehack 2: Probier es aus, bevor du dich festlegst. Ein Praktikum sagt dir in zwei Wochen mehr über einen Beruf als jede Hochglanzbroschüre.

Lifehack 3: Trau dich zu wechseln. Eine erste Ausbildung ist keine lebenslange Entscheidung. Sinn schlägt am Ende oft den geraden Lebenslauf.

So, und jetzt zu der Frage, warum ausgerechnet die Pflege so oft hinten runterfällt.

Katrin: Woran liegt es in deiner Meinung nach, dass der ganze Pflegesektor so stiefmütterlich behandelt wird?

Vanessa: Es sind vorrangig Frauen, die da arbeiten. Und die Frauen waren immer schlecht bis gar nicht organisiert, weil es eben ein Beruf war, wo man gerne geholfen hat, was aus reiner Nächstenliebe entstanden ist und wo auch erst ja nicht so viel Fachlichkeit hintersteckte. Also so wie Medizin, wo dann geforscht wurde, was eben eine Profession ist, wo Wissen weiterentwickelt wird. Das gab es so in Deutschland in der Pflege einfach nicht. Und ja, da waren das dann einfach nette, hilfsbereite Frauen, die sich da Menschen gekümmert haben. Ja, und da einfach politisch gar kein Stimmrecht hatten, gar keine. Wir haben nicht wie Ärzte und Ärztinnen zum Beispiel eine Ärztekammer haben. Das gibt es so in der Pflege nicht oder nicht so flächendeckend auf jeden Fall. Und das fehlt uns eben einfach. Wir sind keine geschlossene Berufsgruppe. Wir haben kein Organ, was für uns einsteht und dann halt eben auch sagt. bei Gesetzesänderungen, Vorschlägen etc. Das wollen wir so nicht, das geht so nicht, das machen wir so nicht und somit kann man glaube ich ziemlich gut auf unsere Berufsgruppe ein wollte ich schon fast sagen, weil wer soll was dagegen sagen? Also ist ja schön, dass ich jetzt als Content Creatorin zum Beispiel dann sage, ja, ne, das finde ich gar nicht gut, ja. Also wen juckt's, dass ich da bei Social Media scheiß auch auf die Reichweite, wie viele Leute sich das angucken oder so. Da wird ja nicht eine Nina Wagen ihr Konzept umschmeißen und sagen, ja, stimmt, da hat sie natürlich recht, da schaue ich dann jetzt nochmal, ob ich da was anpassen kann und diese Diese Stelle fehlt uns eben und ja, das ist das Problem, weshalb da eben vor allen Dingen auf unserem Rücken einfach viel gemacht werden kann.

Katrin: Und in jedem anderen Unternehmen, schauen wir mal so einen Flughafen an, die wenn schlecht bezahlt werden, dann streiten die und dann arbeiten die halt mal drei Tage nicht. Wenn ihr drei Tage nicht arbeitet, dann nehmen Menschen Schaden. Und ich habe so das Gefühl, es wird sich darauf verlassen, dass ihr das niemals in Kauf nehmen würdet. Also natürlich, ne, also das ist ja nicht genau.

Vanessa: Genau, Wir werden moralisch einfach erpresst. Das ist auch das, warum es gibt Stationsleitungen, die genau mit so was eben auch anrufen bei ihrem Personal und sagen, wenn du heute nicht kommst, hier bricht alles, also ohne dich bricht alles zusammen. Also die Menschen, müssen ja hier auch versorgt werden. Also du musst einspringen und kommen. Also so agiert die Berufsgruppe teilweise ja auch selber noch. Und ja, genau. Da kann dann eben ganz schnell gesagt werden, allein streiken ist ja ein Riesending, obwohl das immer abgesichert ist. Also wenn die Pflege streikt, dann kommt kein Patient zu Schaden oder so. Also das ist ja alles mit Sicherheitsnetz entsprechend abgesichert. Und trotz dessen muss man immer wieder dann in den Medien lesen, wie kann sich die Pflege das erlauben, dass da Leute jetzt auf die Straße gehen und für ihre Rechte einstehen? Ja, also ist auf jeden Fall ein Riesenpunkt.

Katrin: Denn das ist ja immer wieder ein Thema und auch schon über Jahre hinweg, das darf jetzt niemanden überraschen, dass es da in der Pflege krasse Defizite gibt. Ich finde das wild, dass da irgendwie auch nichts passiert.

Vanessa: Ja, richtig. Ja, leider aktuell nicht. Also im Gegenteil, wird ja eher immer ein bisschen schlechter aktuell, dass alles Mögliche gestrichen werden soll. Und ja, mit den Rahmenbedingungen, wie wir aktuell arbeiten müssen, ist es natürlich eben auch schwer, Menschen dann in dieser Ausbildung zu halten. Weil klar, die Zahlen steigen gerade von den Menschen, die in die Ausbildung wollen. Das ist auch hervorragend. Das freut mich. Das zeigt ja auch, dass es grundsätzlich an diesem Beruf ja nicht scheitert. Also das anscheinend der Beruf so insgesamt interessant ist für die junge Generation. Aber wir schaffen es ja dann nicht, diese Menschen zu halten. Also die Abbruchzahlen sind ja gigantisch. Geschweige denn dann von den Menschen, die dann wirklich langfristig in der Pflege bleiben. Ich glaube, nach sieben oder acht Jahren ist dann nochmal so ein ganz großer Break, wo viele Menschen aussteigen. [...]

Katrin: Habt ihr denn auch so Medizinstudierende, die auf ihren Studienplatz warten und dann die Krankenpfleger, Krankenschwester, kranken Bruder, ich weiß gar nicht, wie man da richtig genannt, Ausbildung machen?

Vanessa: Ja, ja. Ja, also es sind Pflegefachpersonen, ganz genau die Bezeichnung. Und ja, also in meinem Kurs gab es das auf jeden Fall. Da waren es, ich, drei, vier Leute, bei denen das der Fall war. Ich sehe das tatsächlich aber überhaupt nicht kritisch. Im Gegenteil, ich kenne selber in meinem Freundeskreis habe ich Menschen, die den Weg so gewählt haben und würde einfach sagen, dass also die nehmen, so viel. Die Berufsgruppen arbeiten so eng zusammen, Arzt, Ärztinnen mit Pflegefachpersonen. Und da, ich sag mal, beide Seiten zu kennen und zu wissen, was kann diese Berufsgruppe, was leistet diese Berufsgruppe alles. Also in der Zusammenarbeit finde ich, ist das absolut nur vom Vorteil, wenn da vielleicht diese Ausbildung eben absolviert wurde oder auch einfach nur Teile davon absolviert wurden. Also ich habe da nur positive Erfahrungen mitgemacht.

Katrin: Ich finde das auch sehr gut. Ich habe jetzt nur so überlegt, weil du von der Abbruchrate gesprochen hast, ob die damit reinfallen. Weil im Prinzip, ich denke mir ganz oft, für Medizin brauchst du ja einen echt sauguten Schnitt. Das sind ja die 1-0er oder 0,8er, gab es sogar früher noch zu meiner Zeit. Und das sind ja oft Leute, explizit nicht alle, aber oft Leute, die so in ihrem Lernen so drin sind, dass manchmal die Sozialkompetenz ein bisschen auf der Strecke bleibt. Und das sind aber dann wiederum die Menschen, die sich gut und einfühlsam kranke Leute kümmern sollen. Und da, finde ich, beißt sich die Katze auch ein bisschen in Schwanz. Weil, ob jemand klug ist oder nicht, hat ja nicht unbedingt was damit zu tun, welche Noten ich dann habe, weil die zeigen, nur, wie gut ich Dinge auswendig lernen kann. So, im Endeffekt, ne?

Vanessa: Ja, ja, quasi diese Soft Skills meinst du bestimmt, ne? Das ist so eine gewisse Empathie, wie kommuniziere ich auch mit Menschen und da wird natürlich in der Pflegefachausbildung ein sehr großer Wert daraufgelegt, also sowas wie Kommunikation, allein auch sowas wie, wie halte ich richtig Smalltalk und halt nicht nur, ach, das Wetter ist ja heute nicht so gut, sondern wie mache ich sowas? Da werden Pflegekräfte so gut ausgebildet und meines Wissens, aber da ist jetzt keine hundertprozentige Sicherheit drauf, ist das im Medizinstudium so nicht der Fall. Also dass da so eine Skills wie Empathie, Kommunikation und so da in dem Maße einfach nicht unterrichtet wird. Und natürlich, wenn du es nicht lernst, dann kannst du es auch nicht. Das ist aber auch mehrfach erlebt, muss ich sagen, als Pflegefachkraft, dass da irgendwie auch schwere Diagnosen überbracht werden mit noch drei anderen im Raum. Ach so, ja, übrigens, ne, das also das ist nicht mehr operabel, da können wir nichts mehr machen. Ja, haben Sie denn da jetzt noch Fragen? Nee, gut, ne? Dann tschüss. Wo du dir so dann wo du daneben stehst und dir denkst, naja, da wären vielleicht ein paar Stunden Kommunikation auch nicht schlecht gewesen im Studium.

Katrin: Wie fändest du denn so ein verpflichtendes soziales Jahr für alle, also für Jungs und Mädchen, Männer und Frauen, dazwischen, die sich in der Pflege engagieren müssen oder eben in diesen Berufen auch jetzt, ich meine jetzt auch Altenpflege, eben alles, so bisschen sozial ist und was da auch zu was zurückgibt, dass man sagt, nach der Schule gibt es einfach dieses Jahr. Das würde doch die Pflege und die Situationen auf der Station enorm entlasten, oder?

Vanessa: Da habe ich eine geteilte Meinung zu. Also alles mit Pflicht finde ich immer schwierig, wo eben hinter steht, das musst du jetzt machen. Aber wenn die Möglichkeiten da vielleicht mehr geschaffen werden, auch was so den Lebenslauf betrifft und so, dass eben nicht alle sofort müssen und wenn da jetzt nicht steht, dass du sofort mit deinem Studium im Jura angefangen hast. Dann hast du da ein wichtiges Jahr verloren, was du nicht verlieren darfst und so. Also wenn wir da auch anders das betrachten würden und da eben die Möglichkeiten schaffen würden, dass Menschen das eben ja gerne in ihrem Leben unterbringen möchten, dann fände ich es natürlich eine wahnsinnig gute Sache, weil ich ja selber weiß, was der Beruf mit mir gemacht hat und auch dieses Praktikum davor, wie sehr mir diese Einblicke geholfen haben. da den eigenen Blick auch zu weiten und zu sehen, auch seine eigenen Privilegien zu checken und eben zu sehen, jo, ich bin jung und gesund, mir steht damit quasi mehr oder weniger die Welt offen, aber das ist nicht die Lebensrealität von allen Menschen. da gibt es ganz viele Unterschiede und alleine das eben auch noch mal so zu lernen und zu sehen, ist, ich, ein ganz entscheidender Skill so fürs Leben. Was ich auch schwierig fände an diesem, es ist eine Pflicht und die Menschen müssen in sozialen Bereichen, da wir ja schon gesagt hatten, da gibt es einen wahnsinnigen Personalmangel, ist natürlich immer schnell dann die Ausbeutung mit, naja, da sind ja Menschen und die können das ja mal machen. Und das habe ich leider selber zu oft erleben müssen und mit beobachten müssen. Wir sind Fachkräfte. Ich habe drei Jahre eine Ausbildung gemacht und habe viereinhalb Jahre studiert. Das kann niemand machen, der irgendwie gerade 18 ist und mal ein halbes Jahr auf Station schnuppert. Aber aufgrund dieser ganzen Engpässe werden dann Aufgaben übertragen, die niemals hätten übertragen werden dürfen. Und die dürfen halt keine Löcher stopfen. Und da bin ich, ich glaube, das kann halt nicht gewährleistet werden. Also bin ich ganz ehrlich. Also selbst die Auszubildenden in der Pflegeausbildung. müssen ständig über ihre Grenzen gehen, machen Sachen, die sie noch nicht machen dürften. Einfach, weil niemand anders da ist, der sich dann diesen Personen oder diesen Aufgaben annimmt. Und das wäre natürlich ja genauso, wenn dann eben Leute vom Bundesfreiwilligendienst auf Station sind. Da sind dann auch schnell mal Aufgaben dann dabei, die sie vielleicht nicht hätten machen sollen. Und dann weiß ich nicht, ob man damit nicht dann doch eher abschreckt und dann Leute ja in Position und Situation bringt. wo sie unsicher sind, weil sie dazu gar kein Wissen haben und sich natürlich dann erst denken, nee, nee, nee. Also ich werde hier auf Station geschmissen und soll ich jetzt hier irgendwelche Sachen machen, von denen ich überhaupt keine Ahnung habe. Ich glaube, da überfordert man die Menschen dann eben ganz schnell auch und das ist dann eher abschreckend.

Katrin: Sagen wir mal so, jetzt ruft die Bundesregierung morgen bei dir an und sagt Vanessa, wir bräuchten da mal kurz eine Expertise, wir wollen das grundlegend ändern und wir brauchen dich dazu. Was macht man jetzt?

Vanessa: Ich hoffe, wählen Sie bessere Telefonnummern als meine. Da gibt es auf jeden Fall ganz viele tolle Leute, die da sich ja auch wissenschaftlich miteinander setzen. Es ist nicht die eine Lösung. Also das Problem ist mittlerweile so global, dass es nicht ausreicht zu sagen, ja, Pflegefachkräfte kriegen jetzt einfach mehr Gehalt oder ja, die Ausbildung wird jetzt abgeschafft und es müssen jetzt alle studieren. Also die eine Lösung wird das Ganze nicht zum Umdrehen bringen, sondern es werden wirklich ganz viele kleine Bausteine sein. Aber dafür wäre natürlich schon mal auch ein Anfang, dass man politisch überhaupt entsprechend gesehen wird als Berufsgruppe und halt eben nicht in jeder Debatte, wo es Einsparungen geht, irgendwie Pflege ganz oben angebracht ist und das heißt, ja die streichen wir mal als erstes und den geben wir auf gar keinen Fall irgendwelche Kompetenzen. Weil das sind ja nur Pflegekräfte. das, deswegen glaube ich, der erste Ansatz eben erstmal politisch da mehr gesehen zu werden und dass dann eben so diese ganzen vielen Kleinigkeiten, sage ich schon, aber so diese ganzen strukturellen Veränderungen, wir dürfen auch die Sachen übernehmen, auch so wirklich rein vom Gesetz her, die wir halt auch können und nicht, dass das dann eine Pflegefachkraft über einen Arzt Verbandsmaterialien bestellen und organisieren muss, weil der muss das Ganze letzten Endes absägen, obwohl sie die Fachkraft ist, die weiß, wie man das jetzt richtig macht und wie man damit umgeht und der Arzt oder die Ärztin letzten Endes nur seine Unterschrift darunter packt, damit das halt rechtlich alles sauber ist. Das wäre natürlich dann auch schön, wenn wir diese Sachen dann eben auch offiziell bei uns haben und da den Hut aufhaben.

Katrin: Kurze Pause vom großen Ganzen, drei Dinge zum Mitnehmen.

Lifehack 1: Lass dich nicht moralisch erpressen. "Ohne dich bricht alles zusammen" ist kein Argument, sondern Druck. Einspringen ist freiwillig, auch wenn es selten so klingt.

Lifehack 2: Kenn den Wert deiner Arbeit. Gerade in helfenden Berufen wird Einsatz schnell als selbstverständlich genommen. Wer den eigenen Beitrag klar benennt, macht ihn überhaupt erst verhandelbar.

Lifehack 3: Es gibt selten die eine Lösung. Große Probleme kippen nicht mit einer Stellschraube, sondern mit vielen kleinen. Das gilt für die Pflege genauso wie für deine eigenen Baustellen.

Vanessa erzählt uns gleich, welche Schicht sie liebt und welche sie gehasst hat.

Katrin: Was ist dein Favorit und was ist deine Hassschicht? Gibt's da was? Ja.

Vanessa: Am liebsten mache ich Frühdienste. Ich mag natürlich jetzt nicht so gerne dieses super frühe Aufstehen, aber ich mag das in dem Dienst, der geht immer so wahnsinnig schnell weil man da irgendwie die meisten Tätigkeiten hat. Also auf den Stationen, auf denen ich immer war, war im Frühdienst die meisten Tätigkeiten und da hat man, ehe man sich versehen hat, hatte man Pause, dann hat man noch mal weiter gearbeitet und dann war eigentlich schon der Spätdienst da zur Ablösung und ja, man konnte nach Hause und hatte dann noch so bisschen was vom Tag und war nicht Das war nicht direkt dann eben alles schon gegessen. Deswegen genau Spätdienst eigentlich am liebsten. Ich habe Nachtdienste gehasst. nee, also Nachtdienste. Ich hasse dieses Gefühl zu wissen, dass ich jetzt wach bleiben muss und ich arbeiten muss und in meiner Vorstellung alle anderen schlafen. Die liegen in ihrem gemütlichen Bett und schlafen. Nur ich bin wach.

Es sieht dann immer nur so aus, als ob wir uns mal kurz mit den Leuten unterhalten und uns mal kurz das Zimmer angucken. Aber währenddessen scannen wir halt eben ganz, ganz viel natürlich an Informationen, schauen uns das an, kann die Person sich ja stehen, hat sie sonst einen Rollator, benutzt sie einen Rollator? Also da guckt man sich dann ganz, ganz vieles in diesem kurzen Gespräch an.

Katrin: Ja, natürlich. Und es ist ja nicht nur körperlich anstrengend, es ist ja oft sicherlich auch mental sehr anstrengend. Wie schaffst du das denn, die mental anstrengenden Dinge in der Arbeit zu lassen und nicht in dein Privatleben mitzuziehen?

Vanessa: Also man sollte auf jeden Fall wissen, was einem selber gut tut. Bei mir ist das zum Beispiel Sport. Ich gehe sehr gern laufen und da kann ich wirklich am besten meinen Kopf ausschalten. Und das mag jetzt für eine Person aber irgendwie was ganz anderes sein für jemanden, der oder die liest dann vielleicht gerne, trifft sich gern mit Freundinnen oder was auch immer. Aber das muss man auf jeden Fall irgendwie haben. zu wissen, damit geht es mir gut, damit schaffe ich mir so meine Zeit, meine Räume. Und ja, ich Mir ist das irgendwie nie so schwer gefallen, weil ich konnte immer, wenn ich meine Arbeitskleidung ausgezogen habe und meine private Kleidung wieder angezogen habe, dann konnte ich halt auch irgendwie so einen Strich drunter machen und sagen, okay, Arbeit ist jetzt zu Ende, jetzt fahre ich nach Hause und jetzt ist es mein Leben. Das kann ich wirklich an einer Hand abzählen an Erlebnissen, so einschneidend waren, dass ich sie dann irgendwie mit nach Hause genommen habe und im Nachgang noch drüber nachgedacht habe und dachte, das war irgendwie krass und da hat man vielleicht was auch nicht richtig gemacht oder nicht richtig entschieden oder ja, es war eben einfach auch eine herausfordernde Situation. Aber sonst ist mir das einfach ja immer recht gut, gut gelungen. Und da kann ich, glaube ich, gar nicht so die die krassesten Tipps geben, weil das war einfach von Anfang an. So der Fall. Ich muss aber auch sagen, dass ich bis auf in der Ausbildung nie 100 Prozent gearbeitet habe. Und das, glaube ich, auch noch mal ein ganz entscheidender Faktor war, weil ich einfach mehr Zeit hatte, wieder bei mir zu sein, die Sachen zu machen, die mir guttun und einfach einen gewissen Abstand hatte. Und so was wie manch meiner KollegInnen, die dann halt auch locker elf Tage am Stück dann arbeiten. So eine Rutschen gab es quasi bei mir nie. Und da würde ich halt eben sagen, dass das natürlich auch wahnsinnig auslaugend ist. Und ja, da weiß ich gar nicht, ob es da dann wirklich so die super Tipps gibt, ob Sport dann da zum Beispiel noch ausreichend ist.

Katrin: Ich verstehe. Du hast jetzt vorhin so bisschen gesagt, dass dein Beruf und dein Werdegang dir bisschen geholfen haben, deine eigenen Privilegien auch ein bisschen zu checken und weitsichtiger zu werden in vielerlei Hinsicht. Gerade jetzt bei dem Thema Weitsicht, gab es dann auch so Schicksale, wo du dir dachtest, da ist schon gut, wenn man irgendwie noch eine Absicherung hintendran hat?

Vanessa: Ja, auf jeden Fall. bei ganz, ganz vielen, also fast bei den meisten Schicksalen überlegt man schon irgendwie nochmal, wie würde ich entscheiden, was gibt es für Möglichkeiten, sei es allein so eine Sachen wie Patientenverfügung. Die hatte ich dann ganz schnell, als ich in den Beruf gegangen bin, weil man dann eben einfach sieht, wie wichtig das ist, dass man so seine eigenen Wünsche und Sachen, die einem wichtig sind, dass eben auch noch mal offiziell irgendwo niederlegt, dass dann entsprechend eben auch agiert werden kann. ja, das macht man dann, ich, schon relativ regelmäßig, wenn man in so einem Beruf tätig ist, dass man da dann sieht, wie würde ich agieren, was mache ich entsprechend, was kann ich vielleicht auch für die Zukunft da schon mal entscheiden oder mir hinlegen, dass ich erst gar nicht in so eine Situation komme.

Katrin: Das ist ja dieses ganz klassische von sich wegschieben, was man macht, wenn man jetzt nicht wie du in dem Bereich arbeitet und taktisch damit konfrontiert ist, ist man ja ganz viel so, als bräuchte ich eine Unfallversicherung, was soll denn ich für einen Unfall haben? Blöd gesagt, natürlich denken sich ja die Leute, die einen Unfall hatten, die denken ja auch nicht, mir passiert das auf jeden Fall.

Vanessa: Ja, nee, richtig. Das wäre bei mir auch absolut der Fall gewesen. Vor allen Dingen, wenn man noch entsprechend jung ist, dann kann einem ja angeblich sowieso nichts passieren. Und das sieht man natürlich dann in dem Beruf nochmal anders. Obwohl ich natürlich auch sagen muss, dass es ja auch bisschen dann ins Negative verfälscht. Also ich zum Beispiel habe, glaube ich, eine sehr große Angst entwickelt, alt zu werden. Weil ich mittlerweile sehr einfach auch mit Pflegebedürftigkeit verbinde. Aber das ist ja gar nicht der Fall. Also natürlich brauchen viele Menschen irgendwie Unterstützung, aber ich sehe natürlich eigentlich nur alte Menschen, krank sind. Klar, ich bin ja auch in einem Krankenhaus, aber das ist natürlich die gesunden Menschen oder die, keine Hilfe brauchen, dass es die ja auch gibt. Ich sehe die nur nicht. Das verfälscht, also verzerrt dieses Bild natürlich und das ist natürlich dann bei aller Vorsicht und bei allem Ich achte auf mich, ich sichere mich ab. Ja, driftet das vielleicht manchmal auch bei mir persönlich dann ein bisschen ins Extreme, dass man dann eben sagt, also ich trinke zum Beispiel seitdem kein Alkohol mehr und so. das ist Rauchen sowieso nicht und so. Aber es sind halt so viele Sachen, wo ich dann so sehr extrem bin und sage, nee, auf gar keinen Fall tue ich mir das an. Ich habe da so eine Angst vor, dass es mich auch irgendwann trifft. Mache ich nicht. So das ja vielleicht auch nicht so gut.

Katrin: Jetzt hast du ja auch ein Kinderbuch geschrieben. Magst du uns ein bisschen von deinem Kinderbuch erzählen?

Vanessa: Ja, das habe ich mit zwei Freundinnen zusammengeschrieben. Damit die eine ist Pädagogin, damit das Ganze dann eben auch pädagogisch wirklich für die Zielgruppe richtig ist und Formulierungen da passen und ich nicht mit meiner Pflegefachkraft, Brille und Ausdrücken und allem komme und Geschichten, die vielleicht Menschen, die nicht in dem Bereich sind, vielleicht ein bisschen überrollen. Deswegen hatte sie da eine wichtige Position. Und die andere hat das Ganze ja illustriert. Das kann ich nämlich auch gar nicht. Deswegen war das toll, dass Samira das alles übernommen hat. ja, ich habe das Buch tatsächlich, also die Idee kam mir, während ich meine Tochter ins Bett gebracht habe. Die brauchte eine Zeitlang sehr lange Begleitung zum Einschlafen. Und dann lag man meist in diesem dunklen Raum rum und hat an die Decke gestarrt und war mit sich und seinen Gedanken allein, während man gehofft hatte, dass sie neben einem da gleich einschläft. Und da dachte ich mir, also ich habe ihr auch abends immer vorgelesen und es gab gar kein Buch, was die Pflegefachkraft richtig beschrieben hat. Es gab so ein schreckliches Buch von Conny, da hieß es Krankenschwester, zeigte das Krankenhaus oder sowas. Und da war es also wirklich jedes Klischee, was ich mir denken konnte, wurde in diesem Buch auch wirklich reproduziert. Und dann habe ich halt irgendwann gesucht und dachte mir, nee, also Da muss es doch was Vernünftiges geben, damit ich ihr auch erzählen kann, was ich beruflich mache. Weil ich war ja oft dann auch abends zum Beispiel nicht da, dann war der Papa mit da und sie wollte natürlich wissen, warum bin ich denn jetzt weg? Also wenn alle ins Bett gehen, warum sage ich, ich verarbeite, was mache ich denn da? Und ich war halt nicht so gut, Formulier, also das, was ich da wirklich erlebe und mache, das so ein kleines Kind zu erzählen. Deswegen dachte ich, ein Buch ist da eine solide Lösung. Keins gefunden. Und dann lag ich, wie gesagt, da mal wieder bei der Einschlafbegleitung und dachte mir, hä, warum schreib ich da nicht eigentlich so ein Buch, weil dann gibt es ja so eins. Ja, und aus dieser Nebenbei-Idee ist dann dieses Projekt entstanden und ja, war dann das erste Kinderbuch, was über den Beruf der Pflegefachpersonen dann wirklich vernünftig ohne die gesamten Klischees dann aufgeklärt hat.

Katrin: Das Buch heißt ja, Karl wird Krankenschwester. Störst du dich an so Begriffen wie Krankenschwester, Feuerwehrmann und so? Ja, das habe ich mir gedacht.

Vanessa: Ja, ja, ja, also leider, also wirklich sehr. Natürlich hieß der Beruf und die Ausbildung war irgendwann mal Krankenschwester, aber seit sehr, sehr vielen Jahren gibt es diese Berufsbezeichnung nicht mehr und für mich transportiert sie wirklich alle Klischees und alles das, was uns in diesem Beruf nicht guttut. Da sind wir wieder bei dieser netten, helfenden Frau, die aber kein besonderes Fachwissen braucht, die halt einfach freundlich ist und das aus reiner Nächstenliebe macht. Das ist eine Krankenschwester für mich, das verbinde ich mit dieser Berufsbezeichnung und deswegen bin ich da sehr hinterher, dass das eben sprachlich auch angepasst wird, dass wir Pflegefachpersonen sind mit einer fachlichen Ausbildung und auch Fachwissen. ja, das wird in dem Buch ja auch direkt auf der ersten Seite dann aufgeklärt. Aber tatsächlich ist das Gängige einfach noch, dass die Allermeisten sagen, sind Krankenschwestern und deswegen wollten wir das gerne in dem Buchtitel dann auch haben, ja, es sollte ja schon die Menschen ansprechen und wenn da jetzt steht, Pflegefachperson Karl arbeitet einen Tag im Krankenhaus, da weiß ich ja schon, wie viele das Buch in die Hand nehmen und dann dachte ich mir, ja gut, aber wenn ich da was mit Krankenschwester stehen habe, dann soll aber auch wirklich gleich zu erkennen sein, nee, okay, so ganz ernst kann sie das damit nicht meinen und deswegen ist es eben Krankenschwester Karl geworden.

Katrin: Jetzt gibt es ja auch viele TikTok und Instagram-Accounts, die ein bisschen mit den Klischees, die du vorhin schon so bisschen angeschnitten haben, spielen. Dass es also verschiedene Persona gibt, sowohl bei den Pflegefachpersonen als auch bei PatientInnen, die dann doch heimlich rauchen oder die ihre Medikamente wieder ausfüllen. Was sind denn so Klischees, die du wirklich bestätigen kannst und welche kann man vielleicht getrost entgegessen?

Vanessa: Dass Pflegekräfte viel Kaffee trinken, das würde ich von meiner bisherigen Beobachtung auch von mir selbst absolut bestätigen. Das ist und auch, dass Pflegefachkräfte viel rauchen. Ich kann also bestätigen, sie zahlen ja leider auch. im Vergleich zu den Menschen sonst in Deutschland ist das eine Berufsgruppe, wo sehr viele Menschen rauchen. Also scheint das auch zu stimmen. Dann, was eben nicht stimmt, ja, dass Krankenschwestern einfach nur Krankenschwestern und Frauen sind. Je nachdem, auf welcher Station man da so mal guckt, vor allen Dingen eben auf so Intensivstationen, Notaufnahme, OP, also Bereichen mit sehr viel Technik ist auch wesentlich, sind auch wesentlich mehr Männer zu finden. Und da ist also Ich habe auf einer Intensivstation teilweise mitgearbeitet. Da waren Dienste, da waren genauso viele Männer im Dienst, wie es eben auch Frauen waren. Also da kann man das dann, aber wie gesagt, das sind dann nur spezielle Bereiche. Das ist nicht komplett so. Aber da stimmte das Klischee dann auf jeden Fall auch nicht. Ja, sonst überlege ich gerade so. Das ist natürlich immer schwierig zu sagen, weil man kennt ja dann auch immer nur so seine Realität und dann möchte ich es immer so ungern verallgemeinern und nur weil ich es vielleicht jetzt blödermaßen genauso erlebt habe. Ach, was kann ich so stimmt und ich jetzt sage doch, das ist so, so sind alle Pflegekräfte.

 

Katrin: Ja, kann ich verstehen. Was würdest du denn jetzt so jungen Menschen sagen, was dein Beruf betrifft? Also wie würdest du die nochmal motivieren, vielleicht auch in der Pflege ein bisschen zu informieren?

Vanessa: Wenn ihr Bock auf Merci habt, kommt in die Pflege. Was kann das Ganze motivieren? Ich würde sagen, dass das ein Beruf ist, der einen wirklich stetig fordert und fordert, sich weiterzuentwickeln und nicht stehen zu bleiben und Sachen nicht einfach nur aus seiner eigenen Perspektive rauszubetrachten, sondern man gezwungen wird. auch andere Lebensrealitäten zu sehen, zu betrachten, kennenzulernen und ja, zu lernen, nicht alle über alles vorschnell zu urteilen und sich eine Meinung zu bilden, sondern erstmal Sachen offen anzunehmen, zu beobachten, seinen Job zu machen. Ja, dass das einfach ein Beruf ist, der das enorm fordert und fördert. Und ich glaube, dass das einfach über das normale, ich mache da eine Arbeit und ich verdiene mein Geld und ich kann da Karriere machen, weil klar kann man auch Leitung werden und man kann studieren und Lehrkraft werden und so weiter und so fort in die Forschung gehen. Aber dass das eben menschlich auch so einen wahnsinnigen Mehrwert hat, diesen Beruf, unabhängig wie gesagt von dieser beruflichen Seite, ja, menschlich kann man da ganz viel lernen, beobachten und für sich selber mit rausnehmen. Das finde ich einen absoluten Mehrwert.

Katrin: Was bleibt nach diesem Gespräch? Vor allem ein Respekt, der lange überfällig ist. Pflege ist kein Beruf für nette Menschen mit Zeit, sondern ein Fachberuf mit enormer Verantwortung.

Vanessa hat ehrlich gezeigt, wo es hakt. Keine Lobby, moralischer Druck, Sparpolitik auf dem Rücken derer, die das System am Laufen halten. Aber genauso, wie viel dieser Beruf zurückgibt, menschlich, an Erfahrung, an Haltung.

Und vielleicht ist das die eigentliche Botschaft. Wer einmal hinter die Kulissen schaut, ob durch den Beruf, ein Praktikum oder ein soziales Jahr, sieht die Welt danach anders. Bewusster, dankbarer, weniger urteilend.

Wenn dich das Thema gepackt hat, schau bei Vanessa vorbei. Und vielleicht informierst du dich beim nächsten Mal nicht über einen Clip, sondern an der Quelle. Danke, Vanessa, dass du so offen warst.

*Dieses Transkript kann leicht von der Podcast Folge abweichen.